Die große Entkeimung & Ent-enzymatisierung
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Zeit und mit ihr das Leben aus der Nahrung gestrichen.
Bis dahin war die Verarbeitung von Getreide und Hülsenfrüchten ein lokaler, handwerklicher Prozess.
Nahrung war ein regionales Frischprodukt.
Diese Veränderung betraf Mehl, Reis, Mais, Hirse, Hafer und Hülsenfrüchte, im Grunde alle Lebensmittel.
Getreide und Hülsenfrüchte stechen hier aber besonders hervor da sie die Grundnahrungsmittel praktisch aller Menschen in sesshaften Kulturen sind.
Diese Veränderung geschah bis auf Hirse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Das historische Warum #
Die Entwicklung war eine Antwort auf die logistischen Herausforderungen der Industrialisierung. Man musste Getreide haltbar machen um Menschen in schnell wachsenden Städte ernähren zu können. Dass dabei das für den Menschen biologische Wertvolle auf der Strecke blieb war aus heutiger Sicht eine biologische Amputation, die man damals zwar spüren aber weder messen noch vollends begreifen hätte können. Das erste Vitamin wird überhaupt erst 1897, 37 Jahre nach Umstellung auf entkeimte Mehle und polierter Reis entdeckt.
Das ist eine Generation später!
Mit damaligen Wissensstand waren die Lösungen genial schlüssig!
Was wurde wann verändert? #
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Mehl (1840 – 1870)
Mit der Erfindung des Walzenstuhls (1840) und der Siebmaschine (1860) wurde es möglich den Keimling aus dem Mehl zu entfernen. Um 1870 wurde dieser Prozess zum weltweiten Industriestandard. -
Reis (1860 – 1890)
Mit der Erfindung der dampfbetriebenen mechanischen Schälmühle wurde es möglich das Silberhäutchen und den Keimling komplett zu entfernen. Auch dieser Prozess wurde um 1870 zum weltweiten Industriestandard. -
Hafer (1875 – 1900) Das (1877) patentierte Verfahren zur großindustriellen Herstellung von Haferflocken. Dieses Verfahren basiert auf der Möglichkeit große Mengen an Dampf zur Verfügung zu haben um das Korn zu darren, eine Form der Hitzestabilisierung.
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Mais (1900 – 1910)
Obwohl bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit der Entkeimung experimentiert wurde, markiert das Patent des Beall Degerminators (1901) den entscheidenden Wendepunkt. Diese Maschine ermöglichte es, den fetthaltigen Keimling in industriellem Maßstab mechanisch zu entfernen. Ab ca. 1910 war entkeimtes Maismehl im Handel die Norm. -
Hirse (1900 – 1930)
Da der kleine Keimling mechanisch nicht zu trennen ist, wählte die Industrie im frühen 20. Jahrhundert den Weg der Hitzestabilisierung. -
Hülsenfrüchte (1860 – Heute)
Mit dem Aufkommen der Konservendose und der industriellen Dampfgarung wurde der jahrtausendealte Prozess der Aktivierung (Einweichen und Keimen) übersprungen. Bohnen und Linsen wurden nun direkt unter Druck gegart und sterilisiert. Das Ergebnis: Die Enzyme, die für den Abbau von Antinährstoffen (wie Phytinsäure, Lektine) und die Vorverdauung der Proteine zuständig sind, werden abgetötet, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen können.
Die Dose wurde zum Sarg enzymatischer Lebendigkeit. -
Pflanzenfette & Öle (1869 – 1910)
Parallel zur Entkeimung des Getreides entwickelte die Industrie Verfahren, um Öle nicht mehr nur mechanisch zu pressen, sondern sie chemisch zu extrahieren.- 1870er: Die Einführung der Solvent-Extraktion mittels Hexan ermöglichte es, auch den letzten Rest Fett aus Saaten zu lösen, hinterließ aber ein eher toxisches hochverarbeitetes Produkt.
- 1900 – 1910: Die Erfindung der Härtung (Hydrierung) durch Wilhelm Normann (Patent 1902) markiert den GAU für die zelluläre Kommunikation. Erstmals konnten flüssige Pflanzenöle in streichfeste Fette (Margarine) verwandelt werden. Dabei entstehen Trans-Fettsäuren, die wie „falsche Bausteine“ in unsere Zellmembranen und Nervenscheiden eingebaut werden.
Co-Faktoren #
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Verkleinerung der Partikelgröße
Erst der Walzenstuhl ermöglicht die Erzeugung von super feinem Mehl, Mühlsteine sind dazu nicht annähernd so gut geeignet oder anders formuliert, Mühlsteine arbeiten gröber. Zu heiß arbeiten beide. Diese extreme Feinheit moderner Mehle widerspricht unserer Anatomie. Hätte die Evolution gewollt, dass wir staubfeine Energie ohne Widerstand aufnehmen, hätten wir eine Raspelzunge wie eine Schnecke. Wir besitzen aber Zähne und Zähne verlangen, wie auch unser Darm, nach Struktur und Widerstand.
Erst die grobe Vermahlung mit einhergehendem Kauen ermöglicht es den Speichelenzymen zu arbeiten. -
Zucker (1850 – 1890)
Mit der Perfektionierung der Rübenzucker-Raffinerie (Solvay-Verfahren und Vakuum-Verkochung) wurde isolierte Saccharose vom Luxusgut zum billigen Massenrohstoff. Zucker wurde zum energetischen „Treibsatz“ für die nun enzymlosen Getreideprodukte. Die Folge: Eine systemische Glykierung (Verzuckerung) des Bindegewebes und der Nervenbahnen, die ohne die enzymatischen Bremsen des Keimlings ungehindert ablaufen konnte. -
Salz (1880 – 1910)
Durch den Aufstieg der chemischen Schwerindustrie wurde Natriumchlorid als hochreiner Industrierohstoff in gigantischen Mengen benötigt, ca. 98% der Salzproduktion gehe in die Industrie. Dieses „Ausgangsprodukt“ der Chemie ersetzte das ganzheitliche Kristall- oder Meersalz für den Menschen. Chemisch reines NaCl, fälschlicherweise Kochsalz genannt, ist aber im Vergleich zu ganzheitliche Kristall- oder Meersalz, eine schwere Belastung für den Menschen. Die Einführung von Rieselhilfen und der Entzug von Begleitmineralien führten zu einer Veränderung der bio-elektrischen Zellspannung. -
Milch ab 1890: Pasteurisierung: Thermische Inaktivierung von Keimen und aber auch Enzymen einhergehend mit Protein-Veränderung. Homogenisierung ab 1920 die durch mechanische Zertrümmerung der Fettstruktur zur Unterbindung des natürlichen Aufrahmens dient und ab 1960 die Ultra-Hocherhitzung (H-Milch) die maximale Denaturierung monatelange haltbar macht.
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Biozide (ab 1940)
Das Giftgas Erbe: Aus Nervengas wurden Insektizide, aus Entlaubungsmitteln wurden Herbizide.
Diese Entwicklung hat historisch zwei markante Punkte. Den Ersten in den späten 1940ern als man begann, diese Substanzen massiv in die Landwirtschaft oberflächlich anzuwenden. Den Zweiten im Zuge der “Grünen Revolution”. -
Tierhaltung (ab 1940)
Die Denaturierung der menschlichen Nahrung wurde auch auf die Tierhaltung umgesetzt was dazu geführt hat, dass wir Milch, Eier und Fleisch von kranken Tieren zu uns nehmen. Interessanter Weise ist hier bereits ein Gegentrend wahrzunehmen. Langsam, aber immerhin. Ca. 70% der globalen landwirtschaftlichen Nutzfläche werden für die Tierhaltung genutzt, ca. 33% der weltweiten Getreideernte landen direkt im Futtertrog, bei Soja sind es sogar über 75%.
Fazit der ersten Veränderung #
Die industrielle Revolution definierte Nahrung neu. Das Ziel war nicht mehr lebendige Frische sondern Haltbarkeit für Ballungsräume und Welthandel. Dazu war es notwendig, die biologische Aktivität der Nahrung zu stoppen wozu die Keimlinge entfernt und die Enzyme abgetötet wurden.
Die Innovation des 19. Jahrhunderts war es „tote“ Grundnahrungsmittel zum globalen Standard zu machen und die Benennung der ehemaligen Lebensmittel unverändert weiter zu verwenden.
Der Lösungsansatz der Moderne #
Durch die Bevölkerungsexplosion in der westlichen Welt nach dem zweiten Weltkrieg (1940: 2,30 Mrd., 1950: 2,52 Mrd., 1960: 3,02 Mrd., 1970: 3,70 Mrd.) und der besseren medizinischen Versorgung bei gleichbleibenden Geburtsraten in der “dritten Welt” war die Hungerthematik wieder einmal präsent.
Der nächste Lösungsansatz bestand diesem nicht darin die Verarbeitung zu verändern sondern den Ertrag der Agrarproduktion pro Hektar zu erhöhen.
Diese ab ca. 1960 einsetzende Phase wurde Die “Grüne” Revolution genannt. Dazu wurden traditionelle Sorten durch gezielte Genom-Manipulationen für mehr Ertrag und verbesserte Backeigenschaft … gezüchtet ist hier das falsche Wort … zu neue Hochleistungs-Sorten umgebaut. Leider brachten sie auch ein maßgeblichen Veränderung der immunreaktiven Eiweißstrukturen mit sich (insbesondere α-Gliadin).
Diese Entwicklung kann grob in drei weitere Phasen unterteilt werden:
- 1970 – 1990: Ertrags-Maximierung: Der neue Fokus lag auf der Anpassung an Kunstdünger und Pestizide. Die Eiweißstrukturen wurden zunehmend „härter“ und industriell belastbarer.
- 1990 – 2010: „Back-Performance“: In dieser Phase wurde das Genom gezielt darauf getrimmt, in industriellen Knetmaschinen nicht zu reißen. Die α-Gliadin-Anteile wurden durch molekulare Selektion immer dominanter. Genau diese Proteine sind es, die heute die stärkste Zonulin-Reaktion auslösen.
- 2010 – Heute: Hybrid- und Design-Züchtung: In dieser Phase geht es um extreme Resistenzen und Schnelligkeit.
Diese modernen Weizen ist biologisch weit entfernt von dem, was unsere Vorfahren noch vor 100 Jahren aßen.
Diese ertragsoptimierten Getreidesorten weisen eine gravierende Immunschwäche auf welche den massiven Einsatz von Pestiziden zwingend erforderlich macht. Ohne diesen chemischen Schutzschild wäre das instabile Getreide dem Druck der Natur auf dem Feld sofort erlegen. Ab den 1960ern vollzog sich dabei ein extrem destruktiver Wandel in der Landwirtschaft weil Biozide nicht mehr nur oberflächlich aufgesprüht, sondern als systemische Wirkstoffe Teil des gesamten Wasserkreislaufs und der Pflanze selbst wurden. Sie dringen über die Wurzeln in den Saftstrom ein und lassen sich also nicht mehr abwaschen – sie sind somit fester Bestandteil der Nahrungskette geworden.
Zudem züchtete man als Ersatz für die verlorene natürliche Widerstandskraft aggressive Abwehrproteine (sogenannte ATIs) direkt in das Korn ein. Diese wirken wie ein eingebautes Pestizid gegen Insekten, reizen heute jedoch, zusammen mit den veränderten Glutenstrukturen, den Darm vieler Menschen chronisch. Das Ergebnis ist eine Belastung, die weit über das hinausgeht, was unser Verdauungssystem evolutionär verarbeiten sollte und oder auch könnte.
Der Zeitstrahl der Spezialisierung #
Ein ebenso wesentlicher Wendepunkt im Problemdenken dieser Zeit ist die Bewegung weg vom Ganzen zur analytischen Betrachtung des Details. Diese Veränderung läßt sich wieder in drei Etappen unterteilen.
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Der philosophische Keim (ca. 1830–1850)
- Auguste Comte & der Positivismus: Es zählte nur noch, was messbar, wiegbar und isolierbar war. “Das Ganze” wird unwissenschaftlich und vage.
- Rudolf Virchow (Zellularpathologie, 1858): Er legte fest, dass Krankheiten in der einzelnen Zelle entstehen was den Moment darstellt in dem der Blickwinkel von der “Gesamtheit des Körpers” auf das mikroskopische Detail verengt wird.
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Die industrielle Weichenstellung (1860–1880)
Die Spezialisierung war notwendig für die Fabrik. Ein Müller musste nur mehr wissen wie man einen Walzenstuhl bedient, nicht wie Getreide funktionieren. Die Wissenschaft folgte diesem Modell indem man sich auf einzelne Bakterien konzentriert anstatt die allgemeine Gesundheit zu untersuchen.
Das ist die Zeit des leidenschaftliche Disput zwischen Louis Pasteur & Antoine Béchamp.
Louis Pasteur (1822–1895) setzte auf die Eliminierung des äußeren Feindes durch Sterilisation und damit Abtötung der Erreger um Sicherheit durch Reinheit zu erzielen.
Antoine Béchamp (1816–1908) sah die Lösung in der Pflege des inneren Milieus da ein durch Nährstoffdichte und Vitalität gestärkter Körper Keimen & Bakterien keinen Nährboden bietet.
Béchamp wurde 92 Jahre alt, Pasteur verstarb mit 72 Jahren. Béchamp hat seinen Kontrahenten nicht nur um 13 Jahre überlebt, sondern erreichte für die damalige Zeit ein geradezu biblisches Alter und das, obwohl er zeitlebens gegen den wissenschaftlichen Mainstream ankämpfte.
Wer hatte recht?
Beide! -
Der Flexner-Report (1910) - Der Deckel von Pandoras Box wird verboten
Rockefeller und Carnegie, beide begeisterte Standardisierer mit einem mechanistischen Welt- und Menschenbild, beauftragten den Pädagogen Abraham Flexner (1866–1959) das medizinische Bildungswesen neu zu strukturieren. Während Rockefeller die petrochemische Basis für die neue Pharmakologie sicherte, lieferte Carnegie das strukturelle Modell der industriellen Effizienz. Das Ergebnis war, das alles Ganzheitliche, Naturheilkundliche und Milieubasierte als „unwissenschaftlich“ gebrandmarkt und finanziell ausgetrocknet wurde. Die Medizin wurde in hunderte isolierte Fachbereiche zerlegt, der Kardiologe spricht nicht mehr mit dem Gastroenterologen. Dass die Lymphe am Hals direkt mit der Verdauung im Darm und dem Kauen der Nahrung zusammenhängt, erscheint in diesem mechanistischen Weltbild plötzlich absurd, nichtsdestotrotz ist es biologische Realität.
Psychologische Hintergründe der Veränderung #
Während die Walzenstühle, chemische Extraktion, etc. rein logistische und ökonomische Antworten waren, spielen bei Pasteurs These und vor allem beim Flexner-Report psychologische Faktoren mit.
Durch Pasteurs These wird die Mikrobe zum Angreifer und der Mensch zum Opfer.
Das ist ein extrem bequemes, aber auch entmündigendes Weltbild das nicht zur Verantwortung sich selbst gegenüber einlädt, im Gegenteil.
Wenn die Schuld im Außen liegt, liegt auch die Lösung im Außen und Desinfektion, Medikamente, Impfungen werden zur alleinigen Lösung. Die Pflege des inneren Milieus wird scheinbar irrelevant, weil man nur noch damit beschäftigt ist, die äußeren Feinde abzutöten. Kulturell findet das in oberflächlich verstandenen religiösem Denken, Gott vs. Teufel, seinen Nährboden.
Pasteurs These ist korrekt aber zu eng gefasst, erst in Kombination mit Béchamps These wird sie zum ganzheitlichen Ansatz.
Der Flexner-Report als neurotische Kompensation
William „Devil Bill“ Avery Rockefeller, John D. Rockefellers Vater, war ein Hochstapler, Bigamist und “Schlangenöl-Verkäufer.
Er lebte jahrzehntelang unter dem Namen Dr. William Levingston, reiste als botanischer Arzt umher und verkaufte für damals horrende $25 pro Kur (entspricht heute etwa $625) wertlose Tinkturen als Wunderheilmittel gegen Krebs. Nachdem John D. Rockefeller der reichste und meistgehasste Monopolist der Welt wurde setzte Joseph Pulitzer, der damals berühmte Verleger und Namensgeber des bekannten Journalistenpreises, um das Jahr 1901 ein Kopfgeld von 8.000 Dollar, nach heutiger Kaufkraft weit über 200.000 Dollar, auf Informationen über den Verbleib von John D. Rockefellers Vater aus.
“Devil Bill” lebte heimlich mit einer zweiten Ehefrau zusammen, während er offiziell noch mit Johns Mutter verheiratet war und starb 1906 in Freeport, Illinois. Er wurde in einem unmarkierten Grab als “William Levingston” auf Kosten seiner zweiten Frau beerdigt.
Mit diesem Hintergrund erscheint der von John D. Rockefellers initiierte Flexner-Report, der die Naturheilkunde zugunsten der pharmazeutischen Chemie auslöschte, in einem neuen Licht.
Es war kein Akt der Philanthropie, sondern der Versuch, den Schandfleck des Schlangenöl-Vaters durch eine wissenschaftliche aber ebenso profitorientierte Medizin zu übertünchen.
Der Vaterkomplex eines Milliardärs wurde zum Fundament unserer heutigen Gesundheitspolitik und der Sohn wurde zum Abbild seins Vaters.
Zusammenfassung der Veränderungen #
Während die Industrialisierung der Nahrung die Hardware des Menschen als auch die Natur nachteilig verändern, zerstörte der Flexner-Report das Wissen darüber, wie man sie repariert.
Stand 2026 leben ~8,20 Mrd. Menschen auf dem Planeten wovon die deutliche Mehrheit von diesen Konsequenzen betroffen ist. Nebst verschwinden der Ganzheit aus der Nahrung verschwand sie auch im westlichen Denken und der modernen Medizin. Die Benennung der neuen Nahrungsmittelqualitäten wurde beibehalten. Raffiniertes Salz blieb Salz, entkeimtes Mehl blieb Mehl, Hitzestabilisertes Vollkornmehl blieb Vollkornmehl, etc. - sprachliche Differenzierung wurde in Keim erstickt.
Damit sollten die Ursache der Veränderung grundsätzlich verständlich gemacht worden sein.
Wir können uns also dem eigentlichen Problem oder, so von Interesse, zuerst noch Mehl zuwenden.